Der Sturm

cover-der-sturmAls die Frachtmaschine zurück in den Einsteinraum wechselte, loderte Ferris‘ Aura auf. Amalia kniff die Augen zusammen und wandte sich ab. Eine Welle der Übelkeit spülte über sie hinweg.

„Willkommen auf Medea! Hier wird’s dir gefallen, weiter kommst du von der Erde nicht weg!“ Ferris, Pilot und Besitzer von „Ferris Qutars Reise- und Transportunternehmung“, fuhr die Panzerschotts vor den Scheiben ein und gab so den Blick auf die Koloniewelt frei, die vor ihnen im All hing. Unter Wolkenwirbeln erstreckten sich Ozeane und Kontinente.

Amalia schluckte eine Einheit Antisynästhetika aus ihrem Taschen-Doc und rieb sich die Augen, bis Ferris‘ Aura wieder verschwand. „Tut mir leid, aber setz mich einfach möglichst schnell ab. Ich hab die letzten zwei Monate im Passagiermodul eines Langstreckenraumers gesteckt, ich bin heilfroh, dass wir endlich da sind.“ Sie lächelte den Piloten an, in der Hoffnung, ihre Worte etwas abzuschwächen.

Doch Ferris beachtete sie kaum noch, sondern hämmerte plötzlich auf seine Konsole ein. Eine ganze Reihe von Warnleuchten erwachte zum Leben und eine Flut von Meldungen spülte über die Bildschirme der Steuereinheit. „Keine Ursache, Lady“, murmelte er, „es läuft sowieso gerade nicht so, wie ich’s geplant hatte.“ Seine Finger flogen über die Tasten und legten Kippschalter um, bis die Leuchten erloschen.

Lady. So hatte sie noch nie jemand genannt. „Stimmt was nicht?“

„Systemausfälle. Es gab einen ziemlichen Strahlungsschock, ein kleiner Gruß aus dem Hyperraum, hat man hier manchmal. Aber mach‘ dir keine Sorgen, alles wieder im grünen Bereich.“ Er lächelte ihr zu, doch Amalia bemerkte den Schweißfilm, der ihm auf der Stirn stand.

„Frachter QUTAR, hier Flugleitung“, krächzte das Komm. „Ferris, alter Junge, alles klar bei dir? Hast ’ne ordentliche Dröhnung abbekommen.“

„Alles bestens“, antwortete Ferris. „Hab die Reserveabschirmung gefahren, bevor wir kontaminiert wurden. Der Hyperraum muss heute draußen bleiben.“

„Freut mich. Hör mal, flieg deinen Pott selbst runter. Ich hab‘ gerade andere Sorgen im Orbit hängen, so ’n paar Frachter mit Greenhorns hinterm Steuer. Die schaffen das nicht ohne Leitstrahl. Ihr wart dann hoffentlich die Letzten.“

„Die Letzten?“ Ferris runzelte die Stirn. „Ist irgendwas passiert?“

„Die Transsolarroute ist instabil, wir haben diese Strahlungsstürme jetzt ständig. Hast du mal auf die Uhr geschaut? Ihr habt eine Subjektivzeitkorrektur von drei Tagen! Wir machen den Tunnel jetzt dicht und sind damit offiziell von der Zivilisation abgeschnitten.“

Amalias Blick weitete sich. Sie kannte sich nicht aus, aber selbst nach der Langstrecke hatte sie ihre Uhr bloß um eine Minute vorgestellt.

„Eine Korrektur um hundertfünfzig Prozent?“ Ferris starrte in die Tiefe des Alls. „Das hat’s doch noch nie gegeben! Wir haben komplette drei Tage einfach verpasst?“

„Bedaŭras, Ferris, du kannst später trauern.“ Der Funker lachte und musste husten. „Wir haben schon einen Haufen Anfragen für dich. Außerdem hast du da offenbar einen Kunden in Holton Downs, der dein Zeug echt dringend braucht. Wir haben versprochen, dich direkt hinzuschicken. Mach keinen Umweg, klar?“

„Geht klar. Man sieht sich am Wochenende.“ Ferris schaltete ab, bestätigte die Datumskorrektur und plante den Atmosphäreneintritt mit dem neuen Ziel. Dann drehte er seinen Sitz zu Amalia und räusperte sich. „Tut mir leid, aber die Hauptstadt muss warten. Ich hab Ersatzteile für einen Strahlungsschirm geladen und die sind offenbar noch heißer begehrt, als ich dachte.“

Amalia runzelte die Stirn.

„Hey, das liegt fast am Weg.“ Ferris grinste. „Wie wär’s, Hotel und Abendessen gehen auf mich. Deal?“

***

Holton Downs lag am Rande einer Tiefebene und bestand aus einer Ansammlung von Wohncontainern in allen Größen, wie sie an Kolonisten ausgegeben wurden. Die Pisten zogen sich wie ein Stern vom Zentrum zum Rand der Siedlung, durchbrochen vom Wildwuchs der Baracken, der sich auf jeder jungen Kolonie ausbreitet wie Unkraut. Jenseits davon bildeten die Pflanzungen Inseln der Fruchtbarkeit und des Lebens in der Ödnis.

„Gibt es keinen Raumhafen?“ Amalia starrte während des Landeanflugs durch die Scheibe. Am Ortsrand war kaum jemand auf der Straße, nur ein paar Radfahrzeuge. Dazwischen liefen … Pferde? Echte, lebendige Pferde!

Ferris lachte. „Nein, den gibt es nur in Dyson Point. Siehst du die Trasse da vorne? Zweimal am Tag geht ein Maglev, der macht die tausend Kilometer in unter zwei Stunden.“

Im Licht des Sonnenuntergangs landeten sie auf einem Acker. Nur ein paar Pfosten markierten die Landezone und sie hatten den ganzen Platz für sich. Die Luft draußen roch nach Erde und Wärme. Amalia badete im Licht, atmete tief durch und lauschte auf das Knacken des Stahls, als das Schiff abkühlte. Unterdessen bugsierte Ferris den Schwebelaster aus dem Laderaum. Er öffnete mit einem Lächeln die Fenster, als sie das Schiff hinter sich ließen und in den Ort fuhren.

„Ich setz dich am ‚Gloria‘ ab, das ist das beste Hotel der Stadt. Naja, und das einzige. Ich bring nur kurz die Ladung zur Generatorstation, halte ein Schwätzchen und komme nach.“

Amalia lächelte. Der Hyperraum war vergessen. Ein richtiges Bett, eine Mahlzeit frisch aus dem Topf und endlich wieder einen Planeten unter den Füßen, was brauchte sie mehr für einen Neuanfang?

Ferris ließ sie am Marktplatz raus und der Laster summte davon. Auf dem Platz standen ein paar Buden, zwischen denen sich Menschen tummelten. Amalia schlenderte auf das Gloria zu und gab sich ganz der Wärme der Abendsonne auf ihrem Rücken hin.

„’n Abend, Ma’am.“ Ein Mann trat aus der Lobby, tippte an den Hut und deutete auf ihre Tasche. „Darf ich? Ich bin Leslie, ist mein Laden hier.“

„Oh, gern, vielen Dank!“

„Keine Ursache, aber kommen Sie lieber rein. Die da sind mir nicht geheuer.“ Er nickte in Richtung der Buden.

Ein paar Menschen drängten sich am Rand des Platzes. Was Amalia für eine Feierabendplauderei gehalten hatte, schien ernsterer Natur zu sein. Sie entdeckte zwei Männer, die sich vor einer Gruppe aufgebaut hatten und mit großen Gesten ohne Pause auf die Menschen einredeten. Die Angesprochenen reagierten nicht. Sie hatten den Kopf in den Nacken gelegt und starrten zum Himmel.

Die Umstehenden beobachteten das Geschehen, tuschelten und rangen die Hände. Angst lag in der Luft, ein Kind weinte.

Dann zuckten flammende Lichter durch die Dämmerung und hüllten die Himmelsgucker ein. Ohne nachzudenken fuhr sich Amalia über die Augen, griff nach ihrem Taschen-Doc und synthetisierte eine Kugel Gelee. Sie schmeckte rot. Die Auren flackerten und wurden schwächer.

„Verdammich!“ Leslie ließ Amalias Tasche sinken und sah ebenfalls zum Himmel. Schlieren tanzten durch das samtige Blau, wie ein Nordlicht. Es war wunderschön.

„Schon wieder ein Strahlungssturm! Ich hoffe, der Abschirmgenerator läuft bald wieder!“ Mit einem Knall fiel das Licht im Hotel aus. Leslie fluchte und stürmte zurück in die Lobby.

Aus den Schlieren am Himmel tropften goldene Lichter und verwandelten eine weitere Handvoll Gaffer in Feuersäulen. Amalia zuckte zusammen. Doch niemand außer ihr sah es. Niemand sah. Außer ihr. Wie immer.

***

Ein Krachen riss Amalia am nächsten Morgen aus einem Albtraum. Dann erwachte irgendwo ein Dieselgenerator zum Leben. Der Platz neben ihr war leer, aber noch warm.

Amalia stolperte zum Fenster, riss es weit auf und sah auf den Platz. Sie zuckte zurück und hustete, als beißender Rauch in ihre Lungen drang. Der Morgen dämmerte gerade erst, doch auf dem Platz vor dem Hotel sammelten sich Menschen. Schreie hallten über den Platz, jemand bellte Kommandos, alles mischte sich mit dem Generatordröhnen sich zu einer Kakophonie der Panik. Für einen Moment waberten Lohen aus silbrigem Licht um die Menschen.

Amalia kniff die Augen zusammen und tastete nach ihrem Taschen-Doc. Es war eigentlich noch zu früh, doch sie synthetisierte trotzdem eine Kugel und warf sie sich in den Mund. Sie schmeckte nach staubig-grauer Orange. Das silbrige Glühen blieb.

Amalia schnappte nach Luft. Sie griff sie nach dem Doc, startete die Einheit neu, doch die Statusanzeige des Dispensers blieb tot. Mit den Fingernägeln öffnete sie die Wartungsklappe, entzifferte Beschriftungen, betätigte Tastschalter. Kälte kroch in ihr hoch, als der Diagnoselauf nicht einmal starten wollte. Der Taschen-Doc spendete Kugeln aus Gelee, doch der Strahlungssturm hatte offenbar die Med-Synthese außer Funktion gesetzt.

Sie riskierte einen weiteren Blick aus dem Fenster und blinzelte. Noch immer umwehten Lichter die Menschen, einige zart und sanft, andere hell und wild. Sie konnte es sehen. Sie allein.

***

Die Lobby des Hotels war leer, die Monitore erloschen, die Notbeleuchtung eingeschaltet. Direkt vor dem Hotel hatte sich ein halbes Dutzend Menschen zusammengerottet, unter ihnen auch Leslie, der Hotelier. Amalia sah Waffen blitzen.

„Guten Morgen, Ma’am“, grüßte Leslie. „Vielleicht sollten Sie lieber im Zimmer bleiben, bis die Freakshow vorbei ist.“

Er deutete auf eine Gruppe von Menschen, die über die Straße wankten, den Kopf in den Nacken gelegt. Andere schrien sie an, schüttelten sie, vergeblich.

„Das sind keine Freaks, Leslie“, warf jemand ein. „Verdammt, da ist Franco. Hey, Franco!“

„Bleib hier, Kiyoko!“, bellte Leslie, doch die Frau stürmte zu einem Mann mit flackernder Aura, redete auf ihn ein und schlug ihm ins Gesicht, wie einem Bewusstlosen.

Francos Aura loderte auf und verschlang Kiyoko. Beide zuckten und brachen zusammen, die Aura waberte über den reglosen Körpern.

„Oh mein Gott.“ Leslie senkte sein Gewehr und eilte zu seinen Freunden.

Sie sehen sie nicht, durchfuhr es Amalia heiß. Sie sehen die Aura nicht.

„Leslie, nein! Bleiben Sie da weg!“

Doch es war zu spät. Leslie zog die Aura an wie ein Magnet. Als sie ihn einhüllte, blieb er stehen, sackte in sich zusammen und ließ das Gewehr fallen.

Amalia schrie und rannte los.

***

Ferris‘ Schwebelaster lag im Hof halb auf der Seite und Amalia dankte allen Himmeln, als sie den Piloten im Licht einer Lampe an den Aggregaten der Maschine arbeiten sah.

„Was tust du hier? Warum bist du nicht im Hotel?“ Ferris packte Amalia an den Schultern, sah sie an und schien in ihrem Blick etwas zu suchen. „Ach, egal, umso besser. Der Wagen ist gleich wieder flott, dann verschwinden wir einfach zum Schiff. Hast du die Nordlichter gesehen? Das war ein Strahlungssturm, schon wieder. Wenn das so weiter geht, werden wir doch noch kontaminiert.“

Ferris wandte sich wieder den Innereien der Maschine zu.

„Ferris, hast du die Leute nicht gesehen? Da stimmt was nicht!“

Ferris starrte Amalia an. „Du meinst abgesehen davon, dass ein paar von ihnen durch die Gegend torkeln und dann tot umfallen?“

„Da ist noch mehr! Mein Taschen-Doc ist kaputt und … ich habe keine Medikamente mehr. Ich meine, ich sehe … Dinge. Ihre Aura … Ich sehe ihre Aura, aber sie ist falsch!“

„Du siehst was?!“ Ferris fuhr sich durch die Haare, griff dann zu einem Ersatzteil und verschraubte es mit einem Schlauch, bis es knirschte. „Ich dreh‘ gleich durch. Hörst du die Schreie? Ich hab zwar keine Ahnung, was da passiert, aber was es auch ist, wir verschwinden! Gib mir ein paar Minuten und wir sind hier raus. Über deine Medikamente reden wir später.“

„Ferris, hör mir zu! Das ist ansteckend! Siehst du, deine Aura zum Beispiel, sie ist silbrig weich und zart, aber diese Menschen, sie sind anders.“

Ferris stockte wieder, dann drehte er sich zu ihr um und sah sie an. „Was meinst du? Was ist anders?“

„Sie leuchten. Wie Feuer. Es fällt vom Himmel, vom Nordlicht.“

„Der Strahlungssturm. Meinst du den? Kannst du die Kontamination … sehen?!“

„Keine Ahnung. Ich kenne mich mit sowas nicht aus. Ich weiß nur, dass die Menschen nicht so sind, wie sie sein sollten. Und … sie wandert. Die Aura wandert, wenn jemand stirbt. Verstehst du?“

Amalia packte Ferris‘ Hände. „Wenn jemand stirbt, ist es nicht vorbei. Es geht zum Nächsten. Und wieder zum Nächsten.“

Ferris schüttelte den Kopf. „Ich hab‘ echt keine Ahnung, wovon du redest, aber du machst mir Angst. Lass mich das kurz reparieren, es dauert nur einen Moment …“ Er sah über Amalias Schulter. „Leslie!“

Amalia wirbelte herum. Leslie schleppte sich auf sie zu, seine Aura glühte und zuckte in ihre Richtung.

„Nein, Ferris! Er hat sich angesteckt!“

Ferris zögerte, dann griff er nach einem Druckschlüssel und hob das Werkzeug wie eine Keule. Er schob Amalia hinter sich.

„Ferris, wir müssen hier weg! So funktioniert das nicht!“

Doch der Pilot schwang seine Waffe und achtete darauf, zwischen Leslie und Amalia zu stehen. „Leslie! Was soll das? Ich bin’s, Ferris!“

Der Hotelier legte den Kopf schief, als würde er nachdenken. Dann knickten seine Knie ein und er sank zu Boden. Ferris atmete auf, doch Amalia schüttelte den Kopf.

„Nein. Nein!“, wisperte sie. Er war zur nah.

Das goldene Leuchten sprang zu Ferris.

***

Ferris stand da und zitterte wie bei einem Anfall. Amalia hatte das Gefühl bei einem Ringkampf zuzusehen. Seine silbrige Aura wogte hin und her, verdichtete sich hier und ballte sich dort. Doch das goldene Feuer umschloss den Piloten wie Sirup und sickerte in ihn ein, Tropfen für Tropfen.

Ferris ruckte herum.

Amalia schrie, griff zu ihrem Taschen-Doc und hieb den Kasten mit aller Kraft auf Ferris‘ Kopf, doch der Pilot klappte im letzten Moment zur Seite, zuckte und warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen sie, presste sie in das Aggregat des Lasters, ohne auch nur die Arme zu heben.

Amalia schrie erneut und wand sich unter seinem Gewicht, ignorierte die Schmerzen, als das Aggregat ihr die Haut aufriss, doch sie war eingeklemmt. Ferris machte keine Anstalten, sie zu schlagen, doch dann wurde ihr klar, was passierte.

Sie spürte das Kitzeln im Nacken. Sie sah die Aura auf sich zu kriechen, sie bewegte sich wie goldenes Öl auf silbernem Wasser.

Ferris ist nicht mein Feind, blitzte es in ihr auf. Er weiß nicht, was er tut. Die Menschen sind kontaminiert.

Und ich kann es sehen.

Ferris‘ Miene zuckte wie unter Krämpfen. Er starrte an ihr vorbei, aber sie spürte, wie er kämpfte.

Es ist die Aura, die Aura! hämmerte es hinter Amalias Stirn. Damit kann ich umgehen! Auch ohne Medikamente. Erst recht ohne Medikamente!

Sie schloss die Augen. Ferris verschwand, das Bild der Aura blieb. Verzweifelt konzentrierte sie sich auf sich selbst, hüllte sich in ein Gespinst aus feinstem Silber, wob es dichter und dichter, so dicht, dass das Gold keine Chance mehr hatte, einzudringen.

Amalia riss die Augen auf, als Ferris plötzlich ächzte und zurückwich. Die goldene Aura hüllte ihn nach wie vor ein, doch sie flackerte und zuckte für einen Moment. Dann nahm sie die Gestalt eines feinen, fest verflochtenen Gewebes an.

Amalia schüttelte langsam den Kopf, sah die Struktur zucken, schwanken. Blut rann ihr über den Rücken. Was passierte hier? Sie zitterte, rutschte an der Maschine herab und kauerte sich zu Boden.

Ferris fiel auf die Knie.

Amalia schluchzte, streckte ihm die Hand entgegen, silbern leuchtend.

Ferris rührte sich nicht. Doch die goldene Aura wirbelte, formte einen Arm, ein Gesicht.

Ihr Gesicht.

„Das ist keine Strahlung“, hauchte Amalia. „IHR seid der Sturm!“


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