Ins Zwielicht

cover-ins-zwielichtAls Kind hörte ich zum ersten Mal von Hexenringen, Feenkreisen und der Magie der Kreuzwege, doch ich ließ es mir nicht träumen, einmal einen zu finden, der funktionierte. Oder vielmehr: Ich träumte sehr wohl davon, im Herzen wissend, dass es solche magischen Tore in fremde Welten lediglich in meiner Fantasie gab. Ich war Achtundfünfzig, als ich eines Besseren belehrt wurde, doch es war weder ein klassischer Kreis aus Pilzen, noch fand ich mich plötzlich in einer zauberhaften Welt voller tanzender Feen wieder. Um ehrlich zu sein, fiel mir der Unterschied zu Beginn kaum auf, trotzdem bin ich mir sicher, dass alles im Italienurlaub des vorletzten Sommers begann.

*

„Wo warst du solange?“ Meine Frau lehnte an der Arbeitsplatte in der Küche. Ihre Augen glänzten feucht.

Ich schwang die Plastiktüte mit Milch und Aufschnitt auf den Küchentisch und begann auszupacken, nicht im Entferntesten in der Stimmung, einen Streit auszutragen.

„Es ist schon dunkel, du warst stundenlang weg!“

So lange? Ich stockte kurz und ließ den Aufschnitt direkt auf dem gedeckten Tisch stehen. „Ich habe mir den Sonnenuntergang angesehen, auf der Promenade. Es war wundervoll! Die Farben waren ganz anders als sonst, ein leuchtendes Rot, und das Blau war so unheimlich klar! Ich habe Segler am Horizont gesehen und es waren Trommeln zu hören! Es war unglaublich!“ Ich glaubte die Schiffe erneut zu sehen, das Salz des Meeres in der Luft erneut zu schmecken.

Meine Frau schien etwas entgegnen zu wollen, doch dann schüttelte sie nur den Kopf und sah mich mit großen Augen an.

Ich räusperte mich, meine Euphorie kühlte ab. „Erstaunlich, wie schnell die Sonne hier verschwindet, oder? Wollen wir morgen zusammen gehen?“ Ich konnte mein Erlebnis kaum in Worte fassen, schon gar nicht meiner Frau gegenüber.

„Verdammter Träumer“, krächzte sie.

Ich hatte erst das Gefühl, sie wolle unbedingt streiten, ganz als ob sie mit einer anderen Erklärung gerechnet hätte. Doch in ihren Augen glitzerte etwas, das ich nicht einordnen konnte; Unglaube und Unsicherheit beschrieben es wohl am ehesten. Ich wollte zu diesem Zeitpunkt noch nicht wahrhaben, dass es Angst war.

Sie kam nicht mit am nächsten Tag und so saß ich allein auf der Bank an der Uferpromenade. Der Himmel glühte auf, als die Sonne verschwand. Als es dunkler wurde, entflammte die Laterne über mir und hüllte mich in einen Kegel aus Wärme. Das Gefühl, im Zwielicht an der Schwelle zwischen zwei Welten zu sitzen, blieb heute jedoch unklar, diffus, kaum greifbar. Stattdessen spürte ich eine innere Leere und musste mich schließlich aufraffen, wieder in die Ferienwohnung zurückzukehren. Ich wusste, ich wollte es unbedingt wieder spüren, diesen Übergang vom Hier zum Dort, als würden sich die Welten meiner Träume vor mir öffnen.

Zurück in Deutschland half mir die Erinnerung an mein Erlebnis und an das Gefühl der Entrücktheit durch die tägliche Tristesse der Kollegen und Schüler, durch die immer gleiche Wiederholung meines seit Jahrzehnten geprobten Alltags. Doch mit der Zeit verblasste sie und ich vergaß dieses Gefühl beinahe ganz. Erst im nächsten Jahr, als wir wieder nach Italien flogen, sollte es mir erneut begegnen.

*

Ich unternahm einen kleinen Verdauungsspaziergang — wir waren bei Freunden zu Gast und es gab ein ausgedehntes Abendessen, das, so fürchtete ich, noch längst nicht beendet war — und schlenderte durch die ausgestorbenen Gassen der Kleinstadt an der Adriaküste. An der Promenade ließ ich mich auf eine Bank fallen und lauschte dem Plätschern der Wellen im Hafenbecken. Ein Segler trieb Richtung Mole.

Nach einer Weile erwachte die Straßenlaterne. Der Wind frischte auf und drehte. Der Duft von Gewürzen und Staub drang in meine Nase, Stimmen waren zu hören, Kinderlachen und rufende Männer, als sich Schaulustige sammelten, um den Segler zu empfangen.

Ich beugte mich vor und kniff die Augen zusammen. Der Segler holte das Tuch ein und warf Leinen aus. Im Nu war er festgemacht und die Männer begannen, Kisten und Säcke von Bord zu tragen. Ein Pferdefuhrwerk hielt, nahm Passagiere auf und klapperte davon.

Ich lächelte und beobachtete das bunte Treiben. Zum ersten Mal im Urlaub schien mir eine Last vom Herzen zu weichen, fühlte ich mich federleicht.

Als ich zur Abendgesellschaft zurückkehrte, hatte man mich schon vermisst. Ich tat die Sorgen um mein Verschwinden mit einem Lächeln ab und berichtete von meinem Spaziergang. Unsere Freunde schüttelten den Kopf und nannten mich einen Witzbold, sie wussten von niemandem, der in der Stadt einen Segler besaß, der größer war als eine kleine Jolle.

Meine Frau verstummte für den Rest des Abends. Sie wich mir nicht mehr von der Seite und wenn es sich doch einmal nicht vermeiden ließ, beobachtete sie mich aus den Augenwinkeln.

Am nächsten Morgen begleitete sie mich zum Hafen. Über Nacht hatte es sich bezogen und der Wind fuhr uns unter die Jacken. Verdreckte Jollen und ein paar Kutter schaukelten auf dem Wasser, von dem stolzen Segler war nichts zu sehen.

„Er muss mit dem Morgengrauen ausgelaufen sein. Da war Flut.“

Meine Frau blieb stumm. Erst auf dem Rückweg machte sie mit bitterer Stimme den Vorschlag, ich solle doch vielleicht mal zum Arzt gehen, „nur so, das machen Männer in deinem Alter.“

*

Doch erst mein nächstes Erlebnis brachte mich dazu, meine Urlaubserfahrungen mit den Feentoren meiner Jugendfantasien in Verbindung zu bringen. Ich hatte mich zu einem ärztlichen „Check-up“ überreden lassen und war früher fertig, als gedacht (alles war gesundheitlich im Rahmen, für mein Alter; von den besagten Erlebnissen hatte ich selbstverständlich nichts erzählt). Bis zum vereinbarten Treffen mit meiner Frau hatte ich noch Zeit.

So setzte ich mich auf eine Bank, versuchte, die Spannungen auf meiner Brust zu ignorieren und beobachtete Passanten, als die Laterne über mir zischte und flackerte. Unwillkürlich sah ich hoch und musterte das gute Stück: Ein schmiedeeisernes Ding, mit Haube und ausladenden Schnörkeln, „Vintage“ nannte man das wohl mittlerweile. Ihr gelbliches Licht zeichnete einen verwaschenen Kreis auf das Straßenpflaster.

Als ich meine Beobachtungen wieder aufnahm, fiel mir zum ersten Mal der Buchladen gegenüber auf. Ein junges Mädchen mit Schürze stellte Stühle vor das Schaufenster und kleine Klapptischchen. „Literatur+Café“, las ich, mit einem abgesetzten „+“. Ich ging hinüber.

„Sie können stöbern, lesen, etwas trinken und natürlich auch Bücher kaufen, wenn sie Ihnen gefallen“, erläuterte mir das Mädchen. Ihr Lachen schien meine Spannungen zu lösen und so ließ ich mich nicht zweimal bitten, ich hatte schließlich noch Zeit.

Bald saß ich mit drei Büchern vor dem Café und studierte die Karte: Brauner, Einspänner, Verlängerter; wie in einem Wiener Caféhaus.

Während ich einen Einspänner trank, sah ich die Bücher durch und kaufte schließlich zwei. Als mir die Bedienung ein „Sackerl“, also eine Tüte, anbot, musste ich schmunzeln.

„Sie kommen aus Wien, nicht wahr?“

„Nein, ich bin gebürtig aus Hollabrunn und nur zum Studieren hergezogen. Wieso?“

Ich runzelte die Stirn, verhaspelte mich und brachte mit Mühe und Not ein Dankeschön hervor.

Wieder draußen, drehte sich alles in meinem Kopf und ich musste mich setzen. Hatte sie gesagt, sie sei „hergezogen“? Meinte sie Wien? Oder hatte ich mich verhört oder sie mich falsch verstanden? Interpretierte ich zu viel in den Wortwechsel hinein?

Als meine Frau mich auf der Bank unter der Straßenlaterne abholte, hatte ich mich wieder beruhigt. Doch ich erinnerte mich an ihre Reaktion auf die Geschichte aus Italien und berichtete auf dem Rückweg nur von meinem Arztbesuch.

Wir waren bereits daheim, als ich die Bücher vermisste.

„Die Bücher!“, entfuhr es mir, „ich habe sie liegenlassen!“

„Welche Bücher?“

„Ich habe Bücher gekauft, während ich auf dich gewartet habe, in der Buchhandlung gegenüber.“

„Da ist eine Buchhandlung? Wo?“

„Sie muss neu sein, ich habe sie noch nie bemerkt. Aber ich war ja auch selten bei Doktor Wend“, lachte ich und wechselte das Thema.

Am nächsten Morgen waren sie natürlich weg, doch viel schlimmer war: Wo gestern noch das „Literatur+Café“ seine Auslagen präsentierte, klebten heute nur Plakate auf blinden Glasfenstern.

Die nächsten Tage mied ich das Thema Bücher und Buchläden, doch am Donnerstag stand ich, kurz nachdem meine Frau aus dem Haus war, neben der Arztpraxis und vollzog meine Schritte so exakt wie möglich nach. Ich fand die Bank unter der alten Laterne, aber der Buchladen blieb verschwunden. Ich wanderte durch sämtliche Querstraßen der Nachbarschaft und fragte sogar nach dem Weg, vergebens: Weder fand ich das „Literatur+Café“, noch jemanden, der das Geschäft kannte.

Ich brütete noch ein paar Tage vor mich hin, bis meine Frau das Thema zur Sprache brachte.

„Ich war gestern in der Gegend von Karlsberg und wollte noch ein Geschenk für Marion kaufen und da dachte ich, ich probiere den neuen Buchladen aus“, sagte sie eines Abends. Ich bemerkte ein Zittern in ihrer Stimme.

„Ich habe ihn nicht gefunden. Wo genau ist er, sagtest du?“

„Ich weiß nicht genau“, brummte ich, „irgendwo beim Doktor Wend in der Nähe. Vielleicht auch ein paar Straßen weiter.“

Ich rührte in meinem Tee.

Meine Frau schwieg einen Moment, bis sie tief durchatmete. „Schatz, da ist nirgendwo ein Buchladen. Niemand kennt ihn.“

An diesem Abend gestand sie mir, dass sie Angst um mich hatte und eine beginnende Demenz fürchtete.

Ich lehnte eine solche Diagnose rundheraus ab, ich war schließlich nicht vergesslich, ich wusste genau, was ich erlebt hatte! Wir stritten uns und versöhnten uns erst wieder, als ich versprach, von solchen „eigenartigen Erlebnissen“ immer sofort zu berichten.

*

An einem Abend im Herbst war meine Frau mit Kollegen aus ihrer Kanzlei auf einem Betriebsausflug. Ich hatte bereits darauf gewartet, bedeutete es doch, dass ich ein ganzes Wochenende allein war.

Meine Frau war voller Sorge um mich und wäre beinahe daheim geblieben, aber da der Rest des Sommers ohne Ereignisse (in dieser Hinsicht) verlaufen war, fuhr sie letztlich doch.

Bereits am Nachmittag saß ich, mit Hut und Mantel gegen die herbstliche Kälte gewappnet, auf der Bank mit der schmiedeeisernen Lampe. Die Plakate im Schaufenster gegenüber verdeckten sich gegenseitig, keines ließ auf einen Buchladen schließen.

Während ich auf die Dämmerung wartete, leisteten mir erst ein bärtiger Wohnungsloser und dann zwei Jugendliche Gesellschaft, die mit ihren Telefonen spielten. Als es schließlich dämmerte und die Lampe mit einem Zischen aufflammte, saß neben mir nur ein Herr in den Vierzigern, wie ich im dunklen Mantel und mit Hut; er hatte sogar einen Regenschirm dabei.

„Man weiß nie dieser Tage“, meinte er, als er meinen Blick bemerkte. Dann stand er auf, winkte eine Kutsche herbei und stieg ein.

Der Fiaker verschwand im Dunst und mit offenem Mund lauschte ich dem sich entfernenden Klappern der Räder und Hufe.

Als ich schließlich aufsprang und hinter dem Wagen herlief und -rief, war er schon auf und davon. Ich blieb stehen und sah mich um. Eiseskälte lähmte mich, als ich nur Nebel um mich sah und nichts als das entfernte Schlagen einer Glocke hörte — kein Verkehrslärm, nichts. Ich taumelte zurück, versuchte, den Dunstkreis meiner Lampe auszumachen und stolperte auf den Lichtkegel zu.

Dabei geschah das Missgeschick. Ich glitt auf dem feuchten Straßenpflaster aus, schlug mit dem Kopf auf die Bank und verlor das Bewusstsein.

Ich erwachte von den Stimmen der Sanitäter und des Notarztes, vom flackernden Blaulicht der Ambulanz. Ich hatte nur eine Platzwunde, doch das hieß, dass ich meiner Frau nicht viel würde verschweigen können.

*

Doktor Wend schrieb mich bis auf weiteres krank, um eingehendere Untersuchungen durchzuführen. Diagnose: Verdacht auf beginnende Demenz. Die Geschichte mit dem Fiaker hatte ich zum Glück nicht erzählt (auch nicht meiner Frau), aber offenbar reichten die bisherigen „Eskapaden“, wie meine Frau sie nannte, bereits aus. Vermutlich musste ich froh sein, wenn man nichts Schlimmeres diagnostizierte.

Ich war trotzdem noch einmal in der Schule, um Klausuren zurückzugeben, mit den vertretenden Kollegen Stoff durchzusprechen und meinen Platz im Lehrerzimmer aufzuräumen — vorübergehend! Natürlich hatte sich der Grund meiner Krankschreibung herumgesprochen (meine Frau war mit der Schwester des Mannes einer Kollegin gut befreundet) und die unsicheren, mitleidigen Blicke fand ich schwer zu ertragen; umso schwerer, weil Doktor Wend meinen Zustand meiner Meinung nach völlig verkannte.

Als ich schließlich mit gepackter Tasche und hängenden Schultern das Gebäude verließ, sprach mich auf dem Schulhof Jonas, einer meiner Schüler aus dem Griechischkurs, auf mein Stirnpflaster an. Das brachte mich auf eine Idee.

„Sagen Sie, Sie haben sicher Internet zuhause? Könnten Sie mir vielleicht einen Gefallen tun? Es ist vielleicht etwas eigenartig …“

Ich fragte ihn, ob er herausfinden könne, ob es in Wien ein „Literatur+Café“ gäbe.

„Klar, kein Problem. Das können wir auch sofort machen“, grinste er und zückte sein flaches Telefon.

Kurz darauf lachte mich vom Bildschirm des Geräts ein Foto von „Lina“, der Kellnerin aus Hollabrunn, an, die nur zum Studieren nach Wien gekommen war.

Ich brauchte für den Rückweg länger als üblich, mehrmals bog ich falsch ab und musste kehrtmachen. Ich stand unter Schock. Ohne es zu wollen, hatte ich mich an die Krankheit gewöhnt, waren die rationalen Erklärungen eingesickert, auch wenn sie mir nicht gefielen. Zu hören, dass es das Buchcafé tatsächlich gab — in Wien! — brachte alles nur noch mehr durcheinander.

Ich saß den Rest des Vormittags am Küchentisch und grübelte, wälzte Erklärungen und Argumente. Ich war vor ein paar Jahren mit einer Abschlussklasse in Wien gewesen; erinnerte ich mich vielleicht daher an das Café und bildete mir deshalb alles ein? Oder hatte ich in einem Literaturmagazin davon gelesen? Unfähig, eine zufriedenstellende Antwort zu finden, fasste ich einen Entschluss und schrieb einen Brief an das Café. Ich wusste, meine Geschichte war unglaubwürdig, daher erkundigte ich mich nur, ob jemand meine Bücher gefunden hatte. Viel wichtiger war für mich natürlich, ob Lina mir antworten und sich an mich erinnern würde.

Meine neugewonnene Freizeit verbrachte ich in der Stadtbücherei und in Buchhandlungen (den mir vertrauten), wo ich mich in den von mir bisher gemiedenen Abteilungen „Medizin und Gesundheit“ und „Neues Denken“ umtat. Meine Erlebnisse aus Italien fielen mir wieder ein und ich verschaffte mir einen Überblick über Themen von Demenz bis Schizophrenie, von Stimmenhören bis Geistreisen, von Amnesie bis Schlaflosigkeit bis Hellsichtigkeit, ja sogar über die Anderswelt. Am Ende konnte ich jedoch auch den letzten Esoterikratgeber nur ratlos beiseitelegen.

„Ich will nur herausfinden, was mit mir los ist“, rechtfertigte ich mich vor meiner Frau. Sie beobachtete meine neue Obsession mit Argusaugen und der Name „Doktor Wend“ fiel wieder häufiger. „Du kennst mich doch: Ich bin vielleicht manchmal etwas vergesslich, vielleicht auch mehr als früher, aber ich bin nicht dement und ich habe keine Wahnvorstellungen!“

Nach zwei Wochen erhielt ich Post von Lina. Sie erinnerte sich an mich! Leider habe damals niemand meine Bücher abgegeben, sie könne sie gerne noch einmal bestellen, doch würde ich sie in Deutschland vermutlich günstiger bekommen. So oder so, falls ich wieder einmal in Wien sein sollte, möge ich doch herzlich gerne wieder vorbeikommen.

Obwohl mir ein Stein vom Herzen fiel, weil ich mir meinen Besuch im „Literatur+Café“ nicht eingebildet hatte, war ich ratloser als je zuvor, zerstörte doch der Brief das ganze wacklige Erklärungsgebäude der Ärzte und meiner Frau endgültig. Ich beschloss, den Briefwechsel meiner Frau gegenüber vorerst nicht zu erwähnen.

Doch in den folgenden Wochen reifte ein Plan, der vielleicht kein Licht ins Dunkel bringen, mich aber aus der pathologischen Ecke rücken würde, in der ich nach wie vor stand (ich war noch immer krankgeschrieben). Tagsüber, während meine Frau arbeitete, kaufte ich mir eine Kompaktkamera und ließ mir die Benutzung erklären. Zugegebenermaßen verstand ich nicht viel mehr, als dass ich ziemlich viele Bilder machen könne, das passende Zubehör vorausgesetzt (das ich gleich mit erstand). Von nun an lauerte ich auf den Abend, an dem meine Frau mit den Kollegen der Kanzlei auf den Weihnachtsmarkt gehen würde. Als es endlich soweit war, brach ich mit Mantel, Hut und Kamera bewaffnet zu meiner Expedition auf.

Rechtzeitig vor Einbruch der Dämmerung saß ich auf meiner Bank. Ich ignorierte die Erinnerungsfetzen an das Pferdegespann und meinen Unfall und stellte mir stattdessen das „Literatur+Café“ vor. Und als schließlich die Laterne zischte und die dunstigen Winterschatten vertrieb, blinkte mir von der anderen Straßenseite der ersehnte Schriftzug der Buchhandlung entgegen. Ich war gerettet!

Lina arbeitete tatsächlich und freute sich, mich zu sehen. Wir tranken einen Kaffee und plauschten, ich wagte es nicht, ihr meine ganze Geschichte zu erzählen. Dennoch bewegte mich die wichtigste Erkenntnis des Gesprächs zutiefst: Der Heldenplatz lag nur ein paar Straßen um die Ecke, ich befand mich tatsächlich in Wien!

Zum Abschied bat ich Lina um ein gemeinsames Foto und zückte meine Kamera. Lachend willigte sie ein, doch als sie mir die Kamera für ein „Selfie“, wie sie sagte, aus der Hand nahm, stutzte sie.

„Oh, haben Sie sie die ganze Zeit angelassen? Die Batterie ist leer.“

Ich wankte wie unter einem Schlag; glücklicherweise rettete mich Lina gleich darauf, als sie ihr Telefon zückte.

„Kein Problem, ich mache eins und schicke es Ihnen per E-Mail.“

Sie machte schließlich das Foto, was die Hauptsache war, und wir vereinbarten, dass sie mir einen Abzug per Post schicken würde (Internet hatte ich ja nicht). Als ich zurück in die Winternacht trat, spielte ich mit dem Gedanken, noch einen Spaziergang durch Wien zu machen, nur um mich nicht auf Hörensagen zu verlassen. Doch ich wusste nicht, was mich erwarten würde, und so setzte ich mich lieber auf die kalte Bank und nickte trotz meiner Aufregung ein.

Ich erwachte ein weiteres Mal von sorgenvollen Stimmen. Es war die Polizei, die mich halb erfroren auf der Bank aufgelesen hatte. Ich galt seit drei Tagen als vermisst.

*

Nun ging alles sehr schnell und dass ich dieses Mal ziemlich viel beichtete, machte es noch schlimmer. Meine Kamera hatte versagt, ein Foto von Lina traf nicht ein und ihr Brief war nicht auffindbar, obwohl ich die ganze Wohnung auf den Kopf stellte. Binnen Wochenfrist wurde meine Frau mein Vormund und ich musste in ein Heim ziehen. Ich war kein vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft mehr. Doktor Wend und die anderen Ärzte, ja nicht einmal meine Frau zogen es auch nur in Erwägung, dass ich die Wahrheit sagen könnte. Nie in meinem Leben bin ich derartig gedemütigt worden.

Auch in der Abgeschiedenheit des Heims, eingesperrt mit meinen Gedanken, fand ich keine Erklärung für meine Erlebnisse, doch das kümmerte mich bald nicht mehr. Nicht alles unter dieser Sonne ist erklärbar. Viel schlimmer war die Einsamkeit. Anfangs besuchten mich Kollegen und in ihren Augen sah ich Unglauben und Abscheu, manchmal Angst. Freunde hatte ich nicht, ich war stets in meinen Büchern und Träumen zuhause gewesen. Dann begann meine Frau, nicht mehr täglich zu kommen, irgendwann nur noch zweimal pro Woche, dann einmal. Schließlich schien sie jedes Mal froh, nach einer schweigenden Stunde die Flucht ergreifen zu können.

In der Bibliothek des Heims fand ich ein Buch mit irischen Sagen über die Wege in die Anderswelt; ich stahl es und trug es immer bei mir. Ich entdeckte die alte Bank im Garten mit der schmiedeeisernen Laterne (und das Schild einer Bushaltestelle für die Dementen, die anderen). Erst wagte ich es nicht, überhaupt in ihre Nähe zu kommen, zu sehr fürchtete ich, was ich dort erleben oder auch eben nicht erleben würde; ich wusste nicht, was schlimmer wäre. Doch die Einsamkeit quälte mich mehr und mehr, meine Verzweiflung wurde immer größer. Schließlich fasste ich einen Entschluss.

Ich schrieb zwei Abschiedsbriefe, einen kurzen an meine Frau und einen langen an Lina. Der zweite umfasste erstmals meine komplette, ungeschönte Geschichte mit allen Ungereimtheiten. Dann, als der Frühling kam, setzte ich mich zur Dämmerung auf die Bank und wartete darauf, dass die Laterne erwachte.

***

Eine Woche später, der Oberstudienrat Dr. Karst wurde noch immer vermisst, erreichte ein Brief aus Wien seine Frau. Er enthielt ein Foto von ihm und einer jungen Frau in einer Buchhandlung, sowie eine wortreiche Entschuldigung, dass Lina es so lange versäumt hatte, sich zu melden. Sie habe Karsts Geschichte mit Unglauben gelesen und würde sich über ein baldiges Wiedersehen in Wien freuen, es lasse sich bestimmt alles klären.

Frau Karst und Lina standen von nun an regelmäßig in Kontakt, ohne jedoch die Ungereimtheiten in Karsts Geschichte klären zu können; auch tauchte er in den nächsten Monaten nicht in Wien auf. Die Fahndung der Polizei blieb ohne Erfolg.

Erst zwei Jahre später, als Frau Karst beschloss, in eine kleinere Wohnung zu ziehen, entdeckte sie einen weiteren Brief ihres Mannes. Er ragte aus einer griechischen Ausgabe von Homers „Odyssee“, die beide gemeinsam in jungen Jahren aus dem Nachlass eines bekannten Philologen erstanden hatten.

Es war ein Hilferuf, datiert auf den 16. August 1847, eingewickelt in eine halb zerbröselte Seite der „Wiener Zeitung“ desselben Tages.


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